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Das letzte Hamsterbuch: Die Messe

 


Kapitel 1.

Dumm gelaufen


"Ihr Schwachköppe, ich hab' gesagt, ihr sollt ziehen! Nicht reißen!"


Stöhnend und fluchend wühlte sich Bauleiter Murksel unter dem Gerüst hervor, an dem bis eben noch das große Plakat befestigt war, das in riesigen Lettern die 'Erste Hamstische Messe' ankündigte. Nun kündigte das Plakat gar nichts mehr an, sondern lag auf dem großen Podium, auf dem bis eben noch die vielen Ehrengäste friedlich in Erwartung einer Rede des Bürgermeisters gesessen hatten. Natürlich saß nun niemand mehr auf dem Podium, und unter dem großen Plakat waren vereinzelte 'Eflih'-Rufe, Jammern und vereinzeltes Gewimmer zu vernehmen.


"Du hast gesagt 'kräftig ziehen', und wenn du Dodo sagst, der soll kräftig ziehen..."


"Tuffi, Klappe! Helft lieber den Ehrengästen, das tut ja nicht Not, dass die zu Plattfischen verarbeitet werden."


Das Reparaturteam beeilte sich, den Anweisungen Murksels Folge zu leisten. Der Bauleiter seufzte leise. Es hatte alles so gut angefangen an diesem Tag, an dem Hamsterhausen einen Vorgeschmack auf das liefern wollte, was in den nächsten Wochen passieren sollte. Alle wichtigen Persönlichkeiten der umliegenden Hamsterländer waren erschienen, um der Eröffnungsrede des Bürgermeisters zu lauschen. Höhepunkt der Veranstaltung sollte der erste gemeinsame Auftritt der berühmten Sängerin Agnelia von Hamsterqualle mit dem nicht minder bekannten Sänger Hamsterquallo sein, aber das hatte sich ja nun erledigt. Während im Hintergrund die Sirenen der Krankenwagen und der Feuerwehr zu hören waren, beobachtete der Bauleiter, wie die bewusstlose Agnelia von Hamsterqualle, der völlig verbeulte Hamsterquallo und mehrere vornehme Ehrengäste unter den Trümmern herausgezogen wurden. Genau genommen sahen diese Ehrengäste nicht mehr sonderlich vornehm aus. Das jedoch war dem Bauleiter im Moment total egal, als er den völlig erfledderten Bürgermeister auf sich zu wanken sah.


"Wir hatten leider kleine technische Schwierigkeiten!" rief ihm der Bauleiter schon vom Weiten zu. "Und das Reparaturteam war leider zu dämlich, sich an meine Anweisungen zu halten!"


Der Bürgermeister antwortete nicht, jedenfalls nicht sofort. Mit betretener Mine beobachtete er den Abtransport der Ehrengäste, die von Rettungshamstern vorsichtig auf Tragen gelegt und mit einem kräftigen Schwung in die bereitstehenden Krankenwagen geschoben wurden.


"Von diesem Hamsterquallo habe ich sogar eine CD", jammerte der Bürgermeister, als der berühmte Sänger an ihnen vorbei getragen wurde

.

"Könnte sein, dass die mal wertvoll wird", entgegnete der Bauleiter, "der sieht nicht so aus, als ob er bald wieder singt."


"Chef, sollen wir das Plakat wieder aufstellen?"


"Sicher, Tuffi, sicher", flötete Murksel und beugte sich zu dem kleinen Reparaturhamster. "Vorher aber solltet ihr den Text auf dem Plakat noch ein wenig abändern. Wie wäre es mit: 'Wir sind die allerdämlichste Reparaturtruppe der Welt'?"


"Schreibt man allerdämlichste in zwei Wörtern oder zusammen?"


"Dodo?"


"Ja, Chef?"


"Halte einfach die Klappe!"


"Nun, mein lieber Murksel", fuhr der Bürgermeister fort, "wir haben, öhm, sozusagen nicht den besten Eindruck bei unseren Gästen hinterlassen..."


"Nee, wirklich nicht", brummte der Bauleiter, "eine erfolgreiche Präsentation sieht anders aus."


"Vielleicht sollte sich der Eine oder Andere in dieser schönen Stadt mal was durch den Kopf gehen lassen", warf Flecki ein, die damit beschäftigt war, ihr total verschmutztes Fell zu reinigen.


"Genau", rief Goldi, "etwas durch den Kopf gehen lassen, so circa 9 mm!"


"Soll das denn nun noch weitergehen, wenn es denn weitergeht?" fragte Hamstilidamst und rieb sich seine schmerzende Pfote, die er sich beim Rettungsversuch von Trampel verstaucht hatte. Als nämlich das Gerüst samt Plakat umfiel, standen Trampel und er nebeneinander. In dem Moment, als eine Gerüststange genau in die Richtung Trampels fiel, hatte Hamstilidamst ihn geistesgegenwärtig zur Seite geschubst. Die heranrauschende Stange verfehlte Trampel glücklicherweise, doch leider fiel der arme Hamster jetzt genau in die Flugbahn des nachfolgenden, schweren Plakats, und das war weitaus unangenehmer.


"Was soll weitergehen?" fragte Flecki ungläubig.


"Nun ja, die Vorbereitungen für die Messe", entgegnete Hamstilidamst ein wenig unsicher, während er den Rettungshamstern hinterher schaute. Es war in der Tat nicht leicht für das Rettungsteam, die schweren Tragen mit den Verletzten über Schutt und Gerümpel zu schleppen. Hamstilidamst verzog schmerzlich das Gesicht, als er sah, wie zwei Rettungshamster mit einer Trage ins Stolpern gerieten, und Freund Trampel laut quiekend herunterfiel, über einen Schuttberg rollte und irgendwohin verschwand. "Wir müssen wohl wieder von vorne anfangen, oder?"


"Vielleicht warten wir noch ein wenig, bis alle von uns wieder gesund sind", keuchte Finchen und schaute mit großen, traurigen Augen zu der Stelle, wo die Sanitätshamster den jammernden Trampel wieder auf die Trage hievten. Als sie beim Weitergehen erneut ins Stolpern gerieten, wandte Finchen ihren Blick schnell ab und schaute Flecki erwartungsvoll an.


"Warum?" knurrte Flecki. "Manche armen Schweine wären im Krankenhaus sicherer aufgehoben."


"Schön, schön", meldete sich der Bürgermeister erneut, während sein Blick in die Ferne schweifte, wo Trampel sich verzweifelt dagegen wehrte, wieder auf die Krankentrage gelegt zu werden. Fast wäre es ihm gelungen, doch im letzten Moment warfen sich die beiden bulligen Krankenpfleger auf Trampel, dem nun jede Fluchmöglichkeit genommen war. Triumphierend warfen ihn die beiden Pfleger nun erneut auf die Trage und schoben sie schwungvoll mit einem lauten 'Arruh!'1 in den wartenden Krankenwagen. Kurz darauf startete der Wagen unter lautem Hupen und mit durchdrehenden Reifen in Richtung Hamsterhausener Krankenhaus.


"Äh, Freund Trampel scheint ja in besten Händen zu sein und wird nach ein paar Tragen, äh, Tagen gewiss wieder zu uns stoßen und sich voller Wut, äh, Mut wieder in die Arbeit stürzen."


"Stürzen ist genau der richtige Ausdruck", grinste Tati und stupste Teeblättchen in die Seite.


"Vielleicht haben wir bis dahin mal einen Plan, wie es weitergehen soll", schlug Flecki vor und warf Tati und Teeblättchen einen warnenden Blick zu.


"Ich habe das jetzt in einem Wort geschrieben, Herr Bauleiter, wollen Sie es sich einmal ansehen?"


Murksel glotzte erst Dodo und dann das Plakat an, das nun einige Meter und halb zerschmettert neben der Ehrentribüne lag, nachdem die Hamstische Feuerwehr es mit einem Kran von den darunter liegenden Ehrengästen weggeschafft hatte. Er seufzte schwer, als feststellen musste, dass Dodo tatsächlich das Plakat mit einer neuen Aufschrift versehen hatte.


"Sehr schön, Dodo, wirklich ausgezeichnet und wir sind alle mächtig stolz auf dich. Allerdings schreibt man 'allerdämlichste Reparaturtruppe' mit einem 'A', denn das heißt Reparaturtruppe und nicht Reperaturtruppe."


Kopfschüttelnd blickte der Bauleiter dem großen Hamster hinterher, der sich mit rotem Kopf eifrig daran machte, seinen Schreibfehler zu korrigieren. Der Bauleiter trat einen Schritt zur Seite, um den verbliebenen Rettungshamstern Platz zu machen, die den letzten der Ehrengäste unter den Trümmern hervorgezogen hatten. Sie schleiften das wimmernde Opfer zum Krankenwagen. Kurz darauf waren sämtliche Rettungskräfte verschwunden.


"Na, das wird wohl ein fettes Nachspiel haben, wie?" unkte Teeblättchen.


Der Bürgermeister blickte ihn verstört an: "Wieso Nachspiel, öhm, warum denn das?"


"Tja, da werden wohl so manche Schadensersatzforderungen kommen, wie, Bürgermeister?" erklärte Tati grinsend.


"Öhm, öhm". Dem Bürgermeister war überhaupt nicht mehr wohl zumute, ihm wurde plötzlich heiß und irgendwie schien alles unter seinem Fell zu jucken. "Tja, also, öhm."


Sofort war er im Mittelpunkt des Interesses. "Also was?" fragte Flecki herausfordernd.


"Nun, öhm, und dazu stehe ich mit meinem Dingswort als Bürgermeister, wir werden jeden einzelnen, äh, Beschädigten gewissermaßen eine großzügige Entschädigung zukommen lassen."


"Freikarten?" lästerte Goldi.


Das Gesicht des Bürgermeisters wechselte von rot auf blass, und er warf einen hilfesuchenden Blick auf den Bauleiter, der gerade ein paar Steine vom Boden aufgehoben hatte und auf das zerschmetterte Plakat zielte. Als er den fragenden Blick des Bürgermeisters auf sich spürte, zuckte er mit den Schultern.


"Freikarten? Wofür? Das neu gebaute Schwimmbad ist zwar fertig, aber niemand geht dort hin. Bei der Planung wurde leider vergessen, dass Hamster niemals baden."


"Ich, äh, öhm." Dem Bürgermeister schienen die Worte zu fehlen, er rang nach Luft und deutete mit zitternder Pfote auf den Schutthügel, neben dem sie standen. "Ich, also, ich dachte, wir könnten, weil wir doch wollten, eine Messe. Ja, Dings das ist das, äh, das ist das Dings, das ich meinte. Was ist denn mit der Messe, lieber Bauleiter?"


"Sollte ich die Rede halten, oder du Klappskalli? Wieso muss ich immer für alles herhalten, wenn es schiefgeht? Wir sollten das Plakat aufstellen und du solltest erzählen, was abgeht. Ich bin nur für den technischen Teil verantwortlich und du für den Ablauf!"


"Tja, nun, lieber Bauleiter, selbstverständlich - und dazu stehe ich auch - ging es ja nur darum, über die Dings-Planungen zu reden, mehr, öhm, eben nicht."


"Er meint damit, dass er vor allen Ehrengästen rumprahlen wollte, dass wir 'ne Messe machen!"


Der Bürgermeister drehte sich empört herum, um den Urheber dieser Worte festzustellen, doch er sah nur unschuldig blickende Hamster des Reparaturteams um sich. Er setzte sich umständlich auf einen Schutthaufen und presste seinen Kopf zwischen die Pfoten. Das, was heute geschehen war, konnte man womöglich als einen unvermeidlichen Unfall darstellen, dessen Hintergründe unergründlich waren und bleiben würden. Natürlich würden die Unfallopfer eine angemessene Entschädigung erhalten, sonst würde das nicht funktionieren. Aber dann? Was dann? Langsam erhob sich der Bürgermeister von Hamsterhausen vom Schutthaufen, klopfte sich das Fell ab und grinste verzweifelt und dümmlich in die Menge der umstehenden Hamster. Niemand grinste zurück, alles glotzte abwartend. So stand die gesamte Truppe zehn Minuten lang, dann brach Dodo das Schweigen:


"Möchte jemand mein 'A' sehen?"


Eine knappe Stunde später hatten sich alle im Büro des Bürgermeisters versammelt, um die weitere Vorgehensweise in Ruhe zu diskutieren. Das heißt, alle, bis auf Dodo, der vom restlos genervten Bauleiter den Auftrag erhalten hatte, den Müll der Eröffnungsveranstaltung zu beseitigen.


"Wir könnten einen Planungsausschuss bilden!" schlug Sasie vor.


"Mit Unterausschüssen für gezielte Planungen!" ergänzte Dasie.


"Und Unter-Unterausschüssen mit exakt umrissenen Kompetenzbereichen für die Nebenausschüsse", grölten Tati und Teeblättchen und konnten sich vor Lachen kaum halten.


"Nicht zu vergessen: die Fressausschüsse für gezielte Ernährung", ergänzte Goldi.


Der Bürgermeister glotzte ratlos, tippte mit seiner Pfote auf dem Schreibtisch herum und warf hilfesuchende Blicke zu Bauleiter Murksel, der auch gleich lustlos brummte: "'n büschen mehr Ernst an der Sache, Leute!"


Nach und nach verstummte das Geplapper der Hamster und der Bürgermeister erhob sich von seinem Platz. In seiner rechten Pfote hielt er einen Zettel. Er räusperte sich mehrfach, dann rief er: "Liebe Hamster! In meiner Eigenschaft als Obstler, äh, oberster Vertreter dieser schönen, äh, Stadt, habe ich in unermüdlicher Arbeit diese List, äh, Liste gemacht. Sozusagen als ein 'Brainstorming', wie die englischen Hamster pflegen, äh, zu sagen flegeln. Ist ja auch egal, ich lese es mal vor, und ihr antwortet sozusagen."


Umständlich nahm er den Zettel von der rechten in die linke Hand, drehte ihn nachdenklich um und nahm ihn wieder in die rechte Hand. "Nun, öhm, die erste Frage lautet: Haben wir genug Leute für die Durchführung?"


Allgemeines Schweigen erfüllte den Raum, dann war Fleckis Stimme zu vernehmen: "Für die Durchführung von was?"


Dem Bürgermeister fiel für einen Moment die Kinnlade herunter und er schluckte. Die Situation wurde kompliziert und er starrte verzweifelt auf seinen Zettel, dann keuchte er erleichtert: "Ach ja, natürlich. Für die Masse, äh, Messe gewissermaßen!"


Für einen Sekundenbruchteil war es muckmäuschenstill im Raum, dann brüllte die gesamte Hamstertruppe: "Jaa, jaa, jaa!"


Der Bürgermeister lächelte triumphierend, blickte erneut auf seinen Zettel und rief: "Haben wir genug Material?"


Alle blickte zu Murksel, und als der leicht mit dem Kopf nickte, brüllte die gesamte Hamstertruppe erneut: "Jaa, jaa, jaa!"


Der Bürgermeister schloss für einen Moment erleichtert die Augen, dann fuhr er fort: "Wollen wir es machen?"


"Jaa, jaa, jaa!" schallte es zurück.


Der Bürgermeister schloss erneut für einen kleinen Moment seine Augen, ein Strom des Glücks durchfloss ihn, er ballte seine linke Faust, reckte sie in die Luft, während er vom Zettel in seiner rechten Hand ablas: "Werden wir es schaffen? Haben wir genug Ideen?"


Schlagartig herrschte Stille im Raum. Irgendwo im Treppenhaus des Rathauses waren Schritte zu hören, vereinzeltes Zetern von Vögeln, die sich auf dem Marktplatz vor dem Rathaus um Futter stritten, doch ansonsten kein Laut. Der Bürgermeister war der Ohnmacht nahe; er setzte sich auf seinen Sessel, denn ihm wurde schwindelig. Dann vernahm er einzelne Wortfetzen, die von der Hamstertruppe kamen:


"Schaffen? Eher nicht!"


"Nö, das geht so was von schief..."


"Dafür riskiere ich doch nicht mein Fell..."


"Blöde Idee!"


"Hat jemand was zu fressen dabei?"


In diesem Moment klopfte es an der Tür.


"Ja?" rief der Bürgermeister und schöpfte neuen Mut, ließ sich aber sofort wieder in seinen Sessel fallen, als er den total verdreckten Dodo hereinkommen sah.


"Hat jemand eine Schaufel?"


"Liegt im Werkzeugschuppen!" knurrte Bauleiter Murksel.


Dodo nickte dankbar und wollte gerade wieder zur Tür hinausgehen, als der Bürgermeister rief: "Dodo, was meinst du, kann Hamsterhausen eine Messe schlaffen, äh, schaffen? Haben wir Hamster genug Dings-, öhm, Ideen dafür?"


Dodo blieb im Türrahmen stehen, drehte sich langsam um und stützte sich nachdenklich mit einer Pfote an den Türpfosten. "Klar, das ist doch eine Lachnummer für uns, oder?"


"Bravo, bravo!" rief der Bürgermeister und reckte erneut die Faust nach oben, da er jedoch nicht aufgestanden war, erwischte er eine Tischlampe, die scheppernd in die Ecke flog.


"Öh, Herr Bürgermeister?"


"Ja, Dodo?"


"Was ist eigentlich eine Messe?"


Der Bürgermeister sackte in sich zusammen, während Bauleiter Murksel vor Lachen brüllte.


"Blödmann!" rief Tuffi. "Das hat was mit dem Vermessen von Straßen zu tun!"


"Wieso ist die Baubehörde dafür nicht zuständig?" fragte Dasie empört.


"Genau, immer müssen wir so etwas machen!" fauchte Sasie.


"Die sitzen hoch und trocken in der vornehmen Baubehörde, und wir müssen uns das Fell aufreißen und die Stadt vermessen!" protestierte Tati.


"Öhm", machte der Bürgermeister und blickte hilflos auf seinen Zettel.


"Also Kinders", mischte sich glücklicherweise der Bauleiter ein, "ich glaube, ihr habt da etwas falsch verstanden. Es ist nämlich so..."


Ein Knallen unterbrach seine Worte. Das Licht im Raum erlosch.


"Goldi", fuhr Murksel fort, "wenn du schon an der kaputten Lampe herumfummeln musst, dann zieh das nächste Mal vorher den Netzstecker! Tuffi, marschier mal los und überprüfe die Sicherungen im Schaltkasten. Wenn die kaputt ist, dann tausch sie aus!"


Der kleine Reparaturhamster wieselte an Dodo vorbei, kam jedoch nach wenigen Sekunden wieder zurück.


"Äh, Herr Bauleiter? Wo sind denn die Sicherungen?"


"Im Keller, wo Sicherungen gewöhnlich sind, Tuffi! Und jetzt marsch und sorge dafür, dass der Bürgermeister endlich wieder Licht hat!"


Nach einigen Minuten Wartezeit ging unter lautem 'Aha!' der Hamstertruppe das Licht im Zimmer wieder an. Kurz darauf kam auch Tuffi zurück.


"Chef, ich wollte nur sagen..."


"Später Tuffi, später, erst einmal will ich euch Dummies mal klar machen, was eine Messe ist. Eine Messe ist eine zeitlich begrenzte Ausstellung dessen, was eine Stadt oder ein Land herstellt. Das kann Essen sein oder auch technische Geräte, einfach alles. Davon habt ihr doch sicherlich schon mal gehört, sicherlich kennt ihr doch die ein oder andere Messe, oder?"


"Klar doch", rief Teeblättchen, "die Mitternachtsmesse!"


"Da wir gerade bei Witzen sind", grinste Goldi, "was haben ein Goldfisch und ein Laserstrahl gemeinsam? Na, weiß das keiner? Ist doch klar, Leute, die können beide nicht pfeifen!"


"Chef, ich wollte..."


"Nun gedulde dich mal noch ein bisschen, Tuffi, wir sind doch gleich fertig. Gut, dann fasse ich mal zusammen und nachdem jeder nun weiß, was ein Messe ist..."


Der Bauleiter unterbrach sich und lauschte den trampelnden Schritte im Treppenhaus, die immer lauter wurden.


"Chef, ich wollte nur schnell sagen..."


"Pst, Tuffi, sei mal ruhig. Da ist irgendwas und ich muss jetzt mal hören was da los ist!"

"Aber Chef..."


Bauleiter Murksel schob Tuffi ungeduldig zur Seite und ging weiter zur Tür, an der immer noch Dodo stand und sich mit seiner dreckigen Pfote am Türpfosten abstützte. Murksel stutzte kurz, deutete auf Dodos Pfote und knurrte: "Nimm mal deine Pfote da weg!"


Es krachte und Dodo lag am Boden. Murksel schüttelte den Kopf und deutete auf den großen Schmutzfleck, den Dodos Pfote hinterlassen hatte. "Wie oft habe ich euch schon gesagt: Ordnung und Sauberkeit bei der Arbeit! Dodo, mach den Fleck am Türpfosten mal weg, und ihr da, hört auf zu lachen!" Damit waren Tati und Teeblättchen gemeint, die zum Thema Ordnung und Sauberkeit bei der Arbeit insbesondere auf Murksel Baustellen ihre Bedenken äußern wollten. Murksel ließ es aber nicht so weit kommen, sondern wies die beiden an, Dodo bei der Suche nach einem Lappen zwecks Türreinigung zu helfen. Dann wandte er sich wieder seinem eigentlichen Vorhaben, nämlich die Ursache des Aufruhrs im Treppenhaus zu erforschen, zu. Kaum hatte er den Raum verlassen, hörten der Bürgermeister und die im Raum verbliebenen Hamster wütende Stimmen im Treppenhaus:


"Sind Sie der Bauleiter?" – "Stecken Sie dahinter?" – "Die Arbeit von Monaten ist zerstört!" – "Es ist eine Schande, das werden Sie ersetzen!".


"Sieht so aus, als wenn die Mitarbeiter dieses Rathauses unseren geschätzten Bauleiter schon recht gut kennen", flötete Goldi.


"Sicherlich schätzen die seine Ordnung und Sauberkeit bei der Arbeit auch so sehr", bemerkte Teeblättchen spöttisch und Tati fügte gackernd hinzu:


"Klar doch, schließlich waren ja damals alle Mitarbeiter des Rathauses zu Einweihung des Parkhauses eingeladen worden."


"Na ja", meldete sich nun Tuffi, die ein wenig verstört wirkte, "schließlich haben wir ja hier auch schon einige Reparaturen gemacht." Sie drehte sich kurz zur Tür um, von der wüste Schreie und Beschimpfungen aus Richtung Treppenhaus kamen und zuckte mit ihren kleinen Schultern. "Aber für das da kann der Bauleiter eigentlich nichts. Er hat gesagt, ich soll die Sicherung austauschen, wenn sie kaputt ist und das habe ich gemacht. Aber da waren keine Ersatzsicherungen und deshalb habe ich einfach irgendeine herausgeschraubt und damit die kaputte ersetzt."


Finchen klopfte ihr auf die Schulter und sprach: "Du hast getan, was du tun konntest. Schließlich hat Herr Murksel ja gesagt, dass du dafür sorgen sollst, dass der Herr Bürgermeister wieder Licht hat."


"Sozusagen gewissermaßen wieder erleuchtet wird", spottete Tati.


"Wenn er rummeckert, dann sagst du ihm einfach, dass er seinen Kram in Zukunft selbst machen soll, weil er ja alles besser weiß, Tuffi!"


Tuffi blickte Goldi dankbar an und nickte.


"Genau", riefen Dasie und Sasie, "lass dir nicht immer alles von diesem alten Meckersack gefallen, der hat doch sowieso ein Rad ab und..."


"Von welchem alten Meckersack sprecht ihr?" fragte Murksel wutschnaubend, als er plötzlich wieder in den Raum geschossen kam. Mit großen Augen schauten die beiden Hamstermädchen den Bauleiter an. Sie waren nicht sicher, wieviel er soeben von der Diskussion mitgekommen hatte.


"Hä, hä, von diesem Oberamtsleiter Purzel, Herr Bauleiter, der, der Sie immer so ungerecht behandelt..."


Murksel grunzte zustimmend, dann wandte er sich Tuffi zu: "Wer hat dir Torfnase eigentlich gesagt, dass du die Sicherung für die Computeranlage rausschrauben solltest, hä? Hast du dir schon mal überlegt, wo die jetzt ihre gesamten Daten wieder herkriegen sollen, die sind nämlich allesamt flöten gegangen bei deiner unüberlegten Aktion!"


"Heißt das, auch die Strafanzeigen für zu schnelles Fahren?" rief Goldi hoffnungsvoll. "Ich meine, mich interessiert das natürlich nicht sonderlich, aber ich kenne da jemanden..."


"Vergiss es", keckerte Flecki, "die Strafanzeigen für zu schnelles Fahren liegen alle bei der Polizeibehörde, und die hat ein eigenes Computersystem. Kratz also schon mal dein Geld zusammen." Sie tätschelte den enttäuschten Goldi. "War aber ein netter Versuch!"


"Tuffi, ich warte auf deine Erklärung, du Riesenhornochse, wieso legst du hier die Computeranlagen flach, ohne dass du einen Auftrag dafür hast? Der Oberbuchhalter will nämlich wissen, wer die Schuld daran hat, dass alle Daten verlustig gegangen sind."


"Du, Bauleiter", piepste Tuffi. "Du hast gesagt, ich soll die Sicherung austauschen, damit der Bürgermeister endlich wieder Licht hat und Austauschen bedeutet 'auswechseln, erneuern, ersetzen, vertauschen, wechseln, tauschen, umtauschen, einen Austausch vornehmen, einen Ersatz schaffen, durcheinanderbringen..."


"Ich weiß was 'austauschen' bedeutet, du Knallhamster!" brüllte Bauleiter Murksel und seine Gesichtsfarbe wechselte ins Dunkelrote. "Ich habe aber nicht gesagt, dass du..."


"Du kannst deinen Kram in Zukunft selbst machen soll, weil du ja sowieso alles besser weißt, Bauleiter!"


Bauleiter Murksel glaubte seinen Ohren nicht zu trauen: "Was?" keuchte er und bewegte sich mit vorgebeugtem Kopf langsam auf den kleinen Reparaturhamster zu.


"Hat Goldi gesagt..."


"Was weiß Goldi schon von Reparaturen?" fauchte Murksel.


"Wenigsten sehe ich nicht aus wie eine brüllende Tomate!" fauchte Goldi zurück.


Es knallte und klatschte heftig. Das war der Bürgermeister, der, um die Streiterei zu schlichten, auf den Tisch klettern wollte, doch dabei leider abrutschte und nun platt auf seinem Schreibtisch lag.


"Öhm, wenn ich dazu mal etwas sagen dürfte, sozusagen als Schlachter, äh, Schlichter", begann er und rieb sich das schmerzende Kinn, mit dem er auf dem harten Tisch gelandet war. Dabei versuchte er tapfer zu lächeln und bewegte sich im Rückwärtsgang auf seinen Sessel zu. Dieses Sitzmöbel jedoch war bei seinem unglücklichen Versuch, auf den Tisch zu klettern zur Seite geschoben worden und somit nicht mehr da, wo es vorher gewesen war. "Wie auch, äh, immer, meine lieben Hamsterfreunde", tönte es kurz darauf vom Fußboden her, "wir müssen den Dingsen ins Auge fassen, äh, sehen, und wir sollten versuchen, gemeinsam die Dinger, äh, anzugehen."


"Haben Sie sich wehgetan, Herr Bürgermeister?" fragte Dodo besorgt. "Soll ich Ihnen hochhelfen?"


"Nein", kreischte es vom Fußboden her, "alles bestens, ich komme..." Es knallte erneut, laut und hässlich.

"Hä, hä, die dumme Tischplatte!", war die Stimme des Bürgermeisters - diesmal unter dem Tisch - zu vernehmen. "Alles in bester Ordnung, kein Problem, sozusagen in allerbester Ordnung. Alles im Lot auf dem Rathausboot..."


"Nichts ist im Lot, Herr Bürgermeister! Sämtliche Computer sind ausgefallen, wir haben einen schlimmen Datenverlust, nur weil dieser unfähige Bauleiter..."


"Sprichst du von mir, du Buchhaltungs-Fuzzie? Muss ich mich von jedem Idioten anpöbeln lassen, der hier reingelatscht kommt, oder was?“


Bauleiter Murksel und der Oberbuchhalter standen einander mit funkelnden Augen und drohenden Mienen gegenüber. Im Raum herrschte eine Spannung, die fast schon knisterte. Der Bürgermeister hatte es gerade wieder geschafft, mühsam und umständlich auf seinen Sessel zu klettern, ein paar Reparaturhamster standen am Fenster und der Rest, nämlich Hamstilidamst und Goldi, hatten es sich in Erwartung einer geilen Keilerei auf dem Boden gemütlich gemacht. Fasziniert beobachteten sie, wie Murksel und Oberbuchhalter nun Kopf an Kopf aneinandergedrückt standen und einander immer wieder drohend anfauchten.


"Wie wäre es, wenn mal jemand die Sicherung für die Computer mal wieder einschraubt?" fragte Flecki, die sichtlich von dem Imponiergehabe der beiden genervt war.


"Das, öhm, ist ein ausgezeichnete Idee, liebe Dings, äh,..."


"Flecki."


"Oh, ja, danke, wie ich noch nicht erwähnte, wäre es vielleicht tatsächlich ratsam, wenn der Herr Bauleiter die Computer wieder einschraubt..."


"Sobald ich mit diesem Fiepenheini fertig bin", knurrte dieser und trat langsam einen Schritt zurück, während er sein Gegenüber nach wie vor fixierte und nicht aus den Augen ließ. Beim Rückwärtsgehen prallte er auf Dodo, der immer noch vor dem Ausgang stand und wartete. "Sag mal, du Spinner", fauchte ihn nun Bauleiter Murksel an, "wolltest du nicht eine Schaufel aus dem Werkzeugschuppen holen und den Schutt beseitigen?"


"Aber ich bin doch noch nicht mit dem Reinigen der Tür fertig, Chef. Wir haben noch keinen Lappen gefunden und Tati und Teeblättchen meinen, ich soll den Bürgermeister fragen, ob ich ein Geschirrhandtuch aus der Küche..."


"Mein allerliebster Dodo", flötete Bauleiter Murksel mit hochrotem Kopf, "bitte sei so gut und beseitige den Schutt. Wenn ich in einer Stunde runterkomme, will ich nichts mehr davon sehen, ja, mein Guter? Tati und Teeblättchen sind sicherlich so nett und machen den Fleck weg, oder wünscht ihr, dass ich das für euch mache?"


Tati und Teeblättchen schüttelten ängstlich lächelnd die Köpfe, denn so blöd waren sie nun wirklich nicht, den gesammelten Zorn ihres Vorgesetzten auf sich ziehen zu wollen.


"Aber für mich könnten Sie das machen, Chef!"


Es dauerte eine Weile, bis es Goldi, Hamstilidamst, Tati und Teeblättchen gelungen war, den tobenden Bauleiter vom jammernden Dodo zu trennen und zu beruhigen. Mit einer ungewohnten Schnelligkeit verschwand der große Hamster durch die Tür.


"Eine bewundernswerte Art besitzen Sie, Ihre Mitarbeiter zu motivieren", nickte anerkennend der Oberbuchhalter.


"Man muss einfühlsam sein, darf sich aber nicht auf der Nase herumtrampeln lassen", bestätigte Murksel.


"Ich könnte Sie gut gebrauchen, Herr Murksel, sozusagen als Motivator für meine Mitarbeiter. Verstehen Sie etwas von der Buchhaltung?"


"Nun ja, ich weiß schon, wie herum man ein Buch halten muss..."


Der Oberbuchhalter verabschiedete sich hastig, und auch der Bauleiter verließ kurz darauf das Zimmer, um im Keller die Sicherungen zu überprüfen.


"Haben Sie diesen Buchhalter schon lange, Herr Bürgermeister?" wollte Flecki wissen.


"Öh, nein, oder vielleicht doch, gewissermaßen sehe ich ihn zum ersten Mal. Schließlich ist es für eine Führungskraft schwer, sich jeden einzelnen Dings, äh, Mitarbeiter zu merken."


"Äußerst schwer", stimmte Teeblättchen grinsend zu, "das müssen ja fast 50 Mitarbeiter sein, einfach unvorstellbar, was Tati?"


Tati nickte. "Stell dir mal vor, wir müssten so viele Namen auswendig lernen. So wie die 100 Vokabeln, die Fräulein Puschdusch2 uns neulich übers Wochenende aufgegeben hatte..."


"Das ist natürlich etwas Anderes", entgegnete Teeblättchen und zwinkerte seinem Bruder zu, "wir sind ja auch keine Führungskraft..."


Der Bürgermeister tippte nervös mit seiner Pfote auf den Boden, während er sich am Tischrand festhielt. Er war sich nicht ganz sicher, ob man sich hier über ihn lustig machte oder seine Arbeit würdigte. Er entschloss sich für letzteres, fegte mit einer Pfote über den Tisch, als wolle er ein paar unsichtbare Krümel entfernen und räusperte sich.


"Ich, öhm, schlage vor, dass wir uns morgen um 10.00 Uhr in meinem Büro, äh, treffen, um die weitere Dingslage zu verraten, äh, beraten, sozusagen. Ich, öhm, habe leider noch wichtige Termine..."


Im nächsten Moment war das Büro leer, der Bürgermeister atmete erleichtert auf und gönnte sich endlich ein lange ersehntes Nickerchen.