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Kapitel 31

Kings House Hotel

 

 

Die nächste halbe Stunde sprach keiner ein Wort. Es war ihnen ganz einfach zu peinlich, dass eine winzige Fledermaus sie so sehr in Angst und Schrecken versetzt hatte. Sie liefen nun am Fuß eines Berges, der sich links von ihnen hoch in den Himmel erhob. Rechts von ihnen war die Landstraße, hinter der sich wiederum ein noch höherer Berg befand. Irgendwann machte der Pfad einen Schlenker nach links und die Landstraße war irgendwo in der Ferne verschwunden.

 

"Sir, vielleicht hätten wir ein Auto anhalten sollen," gab der Butler zu bedenken.

"Ein Polizeiauto womöglich, was McClown?"

"Natürlich nicht, Sir, ich dachte nur..."

"Falsch, McClown. Sie denken eben nicht. Sie denken eben nur an das nächste Essen und an nichts Anderes. Sie denken sozusagen nur von Fressnapf zu Fressnapf."



Der Butler presste seine Finger noch fester um den Griff des Koffers, in dem er die Hamster trug. Während er noch überlegte, ob der Koffer auseinander fallen würde, wenn er ihn dem Lord in den Nacken werfen würde, fuhr McShredder fort.

"Sehen sie, McClown, ich denke eben vorausschauend und strategisch. Sicherlich hilft mir meine adelige Herkunft dabei, denn ein Bauer wäre zu solchen Gedanken niemals fähig."

Angestrengt schaute der Butler an den Wegesrand in der Hoffnung, einen Stein, oder noch besser, einen dicken Knüppel zu finden.

"Wie auch immer, McClown, dank meiner weisen Voraussicht werden wir heute Nacht in einem weichen Federbett schlafen, nachdem wir fürstlich gespeist haben."

Der Butler ließ den großen Stein fallen, den er gerade aufgehoben hatte.

"Sir?"

"Sie sind überrascht, McClown? Aber genau das habe ich erwartet. Es ist etwas mehr als eine Meile, bis wir Kings House erreichen, ein Hotel, in dem schon Könige übernachtet haben. Ich denke da nur an König James VI oder Bonnie Prince Charles, McClown. Die kennen sie doch sicherlich, oder?"

"Nicht persönlich, Sir."

"Nun werden sie mal nicht albern, McClown! Ah, sehen sie, dort vorne ist das Hotel."

Tatsächlich kam nun auf der rechten Seite ein lang gestrecktes, weißes Gebäude mit einem schwarzen Dach in Sicht. Ungeduldig bogen die beiden in eine breite Seitenstraße, überquerten eine kleine Brücke und sahen beim Näherkommen das große, hölzerne Eingangsschild des Hotels.

"Sir, wenn ich sie bitten darf, auf ihr Geld zu achten," bemerkte Frido McClown spöttisch. "Es wäre doch schade, wenn es wieder verloren ginge."

Der Lord erwiderte nichts auf die Frechheit seines Dieners, sondern ging in die Eingangshalle hinein. Niemand war zu sehen. Ein kurzer Blick auf die große Uhr über dem Empfangstresen zeigte, dass es bereits kurz nach Mitternacht war.

"Hallo, Portier!" rief Lord McShredder mit krächzender Stimme.

Ein Rumpeln und Stolpern war zu hören und kurz darauf öffnete sich eine Tür am Fuß der großen Treppe, die offensichtlich zu den Gästezimmern führte. Eine junge Frau trat auf die beiden Neuankömmlinge zu und sah sie verwundert an.

"Guten Abend, Gentlemen," begrüßte sie die beiden und strich ihre Schürze glatt. "Mein Name ist Lisa McGyer, wie kann ich ihnen helfen?"

"Ein Doppelzimmer, gute Frau," entgegnete der Lord.



"Sehr gerne, Sir," antwortete Lisa McGyer und hob den Kugelschreiber auf, der ihr herunter gefallen war. "Auf welchen Name Sir?" fragte sie und hielt sich den schmerzenden Kopf, den sie sich beim Bücken gestoßen hatte.

"Sir Lord McShredder von Killichonan, der Herzog von Spanien und Bezwinger des..."

"Entschuldigung, Sir, der Schredder von was?" fragte die junge Frau und lächelte verlegen.

"Von Killichonan," entgegnete der Lord ruhig. "Herzog von Spanien und Bezwinger des Loch..."

"Entschuldigung, Sir," unterbrach Lisa McGyer erneut den Lord und bückte sich nach dem Kugelschreiber, der ihr aus der Hand gefallen war. Dann setzte sie wieder zum Schreiben an und lächelte den Lord erneut verlegen an. "Spanien, und wie dann weiter?"

"Bezwinger des Loch Ness Monster."

"Oh, Gott," schrie die junge Frau auf, trat einen Schritt zurück und warf eine Blumenvase um. "Das Monster? Und sie haben es überlebt, Mr Shredder?"

"McShredder, junge Dame, McShredder von Killichonan. Dieser, äh, Herr neben mir ist mein Butler Frido McClown."

Sie zeigte dem Butler ihr schönstes Lächeln und sah ihn lange an.

"Frido," sagte sie und ließ den Blick nicht von ihm. "Das ist ein schöner Name. Ich heiße Lisa und bin die Tochter des Hotelbesitzers."

"Es ist wirklich ein schönes Hotel," stammelte der Butler und erwiderte schüchtern ihren Blick.

"Danke, Herr Frido," entgegnete Lisa McGyer leise und hob das Gästebuch auf, das sie versehentlich vom Tresen gefegt hatte. "Auch die Aussicht ist sehr schön, Herr Frido. Am Tag jedenfalls, im Moment ist ja alles dunkel."

"Ähem," räusperte sich der Lord etwas ungehalten. "Wir würden gerne etwas essen, nachdem sie uns das Zimmer gezeigt haben, gute Frau."

"Natürlich, Mr Shredder, bitte folgen sie mir."

Sie lief um den Tresen herum und stolperte über den Koffer mit den Hamstern, den der Butler dorthin gestellt hatte. Sofort stand McClown an ihrer Seite und half ihr hoch.

"Danke, Sir Frido," sagte sie lächelnd und strich sich durch das zerzauste Haar. "Wie ungeschickt von mir."

"Nein, nein, Miss Lisa, es war meine Schuld. Ich habe den Koffer hier stehen lassen."

Lord McShredder stand inzwischen an der nach oben führenden Treppe und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den glatt polierten Holzfußboden. Es dauerte eine Weile, bis die beiden anderen ihn bemerkten, und es endlich die Treppe hinauf ging. Oben angekommen, half der Butler Lisa McGyre auf die Beine, nachdem sie an der letzten Stufe gestolpert war. Dann ging es links durch einen schwach beleuchteten Gang weiter. Die junge Frau rüttelte an der Tür und drehte sich mit einem Lächeln zu McClown um.

"Ich habe leider den Schlüssel vergessen. Bitte warten sie einen Moment, Sir Frido."

Sie lief zur Treppe zurück, während sie sich zum Butler umdrehte und ihm weiterhin zulächelte. Es knallte kurz und McClown verzog das Gesicht, als die junge Frau gegen den Pfosten der Treppe geknallt war. Wenige Minuten später jedoch kam sie humpelnd mit dem Schlüssel zurück, und nachdem ihr zweimal der Schlüssel beim Öffnen aus der Hand gefallen war, konnten Lord und Butler endlich in das Zimmer.