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5. Kapitel

 

Langjökull

 

 

 

 

 

McClown wusste derweil nicht, ob er sich nun freuen sollte oder nicht. Nach Island wollte er zwar schon immer einmal fahren, aber da Lord McShredder ihm bisher noch nie gestattet hatte, länger als drei Tage fortzubleiben, hatte es somit für einen längeren Urlaub nicht gereicht. Mit Grauen dachte er an die endlosen Diskussionen mit dem schwerhörigen Lord.

 

"Sir, ich brauche Urlaub", hatte er oft gesagt.

 

"Ich rauche zu laut? Was erlauben sie sich McClown?"

 

"Sir, ich sagte U-R-L-A-U-B !"

 

"Warum schreien sie so, McClown und wozu Urlaub? Gefällt es ihnen hier etwa nicht mehr? Was glauben sie, wie viele Leute gerne einmal in einem Schloss leben würden?"

 

"Sicher, Sir, aber ich möchte einmal etwas Anderes sehen!"

 

"Auf die Antenne gehen? Was erzählen sie für einen Quatsch, McClown!"

 

"E-T-W-A-S A-N-D-E-R-E-S, S-I-R!"

 

"Brüllen sie mich nicht so an, mein lieber McClown, zu meiner Zeit gab es so etwas Neumodisches wie Urlaub nicht. Aber wenn sie unbedingt etwas Anderes sehen wollen, dann habe ich eine Idee. Packen sie ihre Klamotten und ziehen sie los!"

 

Das Herz des Butler hüpfte vor Freunde, und McShredder fuhr fort: "Sie werden von ihrem Zimmer auf der Ostseite des Schlosses in das Zimmer auf der Nordseite umziehen. Eine völlig neue Aussicht haben sie dann, McClown, und sie kriegen einen Tag frei für den Umzug. Na, was sagen sie?"

 

"Ich bin begeistert, Sir!", brüllte McClown und musste sich beherrschen, den Lord nicht zu würgen.

 

"Na, sehen sie, McClown, der Clan der McShredder war schon immer großzügig. Selbstverständlich werden sie diesen Tag nacharbeiten."

 

"Ihre Güte ist grenzenlos, Sir", murmelte der Butler.

 

"Eine Tüte mit Wanzenmoos? Was wollen sie denn damit, McClown? Die Freude ist ihnen wohl zu Kopfe gestiegen, los, gehen sie wieder an die Arbeit, aber vorher holen sie mir Tabak!"

 

 

 


Nach solchen sinnlosen Unterhaltungen mit seiner Lordschaft war McClown gewöhnlicherweise in die Küche gegangen und hatte Geschirr zertrümmert, um sich etwas zu beruhigen.

 

Inzwischen war McClown auf eine kleine Anhöhe gestiegen und setzte sich auf einen am Wegesrand liegenden Baumstamm. Es tat gut, einen Augenblick zu verschnaufen, denn der Karton mit den schlafenden Hamstern war von Schritt zu Schritt schwerer geworden. Er wickelte sich in die Decke ein, die der Kapitän ihm zum Abschied geschenkt hatte und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange, und er war tief und fest eingeschlafen. Doch McClown träumte unruhig, denn all die Abenteuer und Erlebnisse der letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen. Er träumte, er sei wieder Zuhause in Schottland und wäre auf der Jagd nach Ungeheuern und Monstern. Er war im Traum der Anführer einer ganzen Armee, und seine Krieger hatten merkwürdigerweise alle Schnurrbärte und Fell. Sie waren gerade auf der Jagd nach dem blutrünstigsten Monster, dass es je auf der Welt gegeben hatte: Das Clan-McShredder-Monster.

 

 

 

Er, Commander McClown und seine treuen Gefolgsleute waren mit ihren schwer bewaffneten Schiffen übers Meer gekommen, um diesem Monster den Garaus zu machen. Als er gerade mit seiner Armee das Clan-McShredder-Monster gestellt hatte und sein Schwert ziehen wollte, geschah es: Er hatte sich im Schlaf hin und hergeworfen, und der Baumstamm unter ihm geriet ins Rollen. McClown und die Hamster purzelten nun die Anhöhe hinunter auf Reykjavik zu. Der arme Butler rollte vorweg, hinter ihm der Baumstamm und schließlich die Hamster, die zu allem Unglück aus dem Karton gefallen waren und überhaupt nicht wussten, was denn los war. McClown war der festen Überzeugung, mitten im Kampf mit dem Drachen zu sein, als er etwas Großes, Dunkles auf sich zukommen sah.

 

Noch ein Monster, dachte er und krachte gegen einen Baum. Kurz darauf hatte auch der Baumstamm die Stelle erreicht, und als McClown gerade wieder aufstehen wollte, klatschte ihm der Baumstamm von hinten ins Genick. Butler und Baumstamm blieben liegen, und die Hamster wurden von dem quer liegenden Stamm gestoppt. Die winzigen, kleinen Tiere schnupperten, und als sie nichts Interessantes feststellten, krochen sie zum Butler, der noch immer in die Decke eingewickelt war und kuschelten sich an ihn.

 

 

 

Die Sonne war gerade im begriff unterzugehen, als McClown mit dröhnendem Schädel erwachte und sich umsah.

 


"Wir haben diese Schlacht gegen das Monster verloren", sprach er, "doch der Kampf ist noch lange nicht zu ende."

 

 

 

Er stand auf, nahm den Karton wieder an sich und sah zur Anhöhe hinauf.

 

"Warte nur, du verfluchtes Monster Clan-McShredder! Meine Armee und ich werden dich verfolgen und zur Strecke bringen. Wir werden die Welt von Monstern wie dich befreien!"

 

Nachdem er das gerufen hatte, fühlte er sich besser. Die Hamster, die durch den Krach geweckt wurden, stellten fest, dass es dunkel geworden war und suchten Futter.

 

"Ah, meine getreue Armee", rief McClown, "seid ihr bereit zu neuen Schlachten?"

 

Die Hamster guckten verwirrt, und einige kratzen sich am Kopf. Sie berieten untereinander und kamen zu dem Entschluss, dass es besser sei, diesem Mann zu folgen. Schließlich waren sie bisher von ihm gefüttert worden und er schien ihr Freund zu sein. So folgten sie ihm die Anhöhe hinauf in das Landesinnere.

 

 

 

Der Weg wurde beschwerlicher, doch nach einigen Stunden hatten sie ein flaches Gebiet, ein Hochplateau erreicht. 'Langjökull' stand auf einem Schild. Hin und wieder waren große Felsen zu sehen. Der Himmel über ihnen war inzwischen von Millionen Sternen erfüllt und McClown konnte sich an diesem Anblick einfach nicht satt sehen. Während er andächtig den Sternenhimmel betrachtete, wurden die Hamster langsam sauer. Sie hatten Hunger und wollten Party feiern. Sie begannen empört zu fiepen, und einige zupften den Butler sogar an seinen Hosenaufschlägen.

 

"Ihr erhebt euch gegen euren Anführer?", fragte McClown empört, "Was ist los mit euch, meine Getreuen?"

 

Die Hamster fiepten immer lauter und zeigten mit ihren kleinen Pfoten auf ihre Bäuche.

 

"Ah, meine Armee ist hungrig und durstig! So lasst uns einkehren und uns ausruhen."

 

 

 

McClown sah sich um: In der Ferne entdeckte er ein Gehöft.

 

"Vorwärts, meine Tapferen!", rief er und marschierte vorweg. Zu seiner grenzenlosen Freunde stellte er beim Näherkommen fest, dass das Gehöft beleuchtet und somit bewohnt war. Wenig später klopfte er an die Tür. Ein kleines Mädchen öffnete und sagte, dass seine Eltern auf einer Feier bei den Nachbarn seien, und dass sie niemand hereinlassen dürfe.

 


"Mich täuscht du nicht", rief McClown, "du bist eine gute Fee und hast dich verwandelt, um unsere Treue zu prüfen!"

 

Noch ehe das verdutzte kleine Mädchen etwas erwidern konnte, waren der Butler und die Hamster in die Küche gestürmt und plünderten die Speisekammer. Das kleine Mädchen kam hinterher und wiederholte, dass sie niemanden hereinlassen dürfe, und ihre Eltern mit ihr schimpfen würden.

 

"Sei unbesorgt, holde Fee", beruhigte McClown das kleine Mädchen, "es ist alles die Schuld des Clan-McShredder-Monsters!"

 

Die Kleine zuckte mit den Schultern und ging in die Stube, um weiter eine Fernsehsendung zu verfolgen.

 

Es dauerte nicht lange, bis die Speisekammer leer war und die Bäuche der hungrigen Schar gefüllt waren. Die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld, und so verließen McClown und seine Hamsterarmee das Haus und gingen weiter in nördlicher Richtung.

 

 

 

Nach kurzer Wanderung erreichten sie ein kleines Dorf mit mehreren Geschäften. Da alle Bewohner bereits in ihren Betten schliefen, fiel die merkwürdige Schar keinem auf. Sie ließen das Dorf hinter sich und kamen an einer Fischräucherei vorbei. Daneben befand sich ein kleines Geschäft, in dem Körbe hergestellt wurden.

 

 

 

"Vorwärts, meine treuen Soldaten", feuerte McClown die Hamster an, "wir sind kurz vor dem Ziel! Ich rieche schon den stinkenden Atem des Monsters!"

 

In der Tat war etwas zu riechen, und die Hamster rümpften ihre feinen Nasen. Lieber wären sie umgekehrt, doch da sie dachten, dass der nette Mann sie zu einer Party führen wollte, gingen sie weiter. Der Gestank wurde schlimmer. In der Ferne sahen McClown und seine kleinen Freunde Rauch vom Boden aufsteigen. Wenn McClowns Kopf nicht zwischen zwei Baumstämme gekommen wäre und er klar hätte denken können, hätte er gewusst, was das war. Es waren Geysire. Geysire entstehen dadurch, dass heißes vulkanisches Gestein das Wasser aufheizt. Das warme Wasser wird unter hohem Druck nach oben gepresst. Was so schrecklich stank, das waren Schwefeldämpfe.

 



 

McClown sah diese Dämpfe und rief: "Vorwärts, meine tapferen Krieger, da vorne ist der heiße Atem des Monsters zu sehen! Vorwärts, lauft und schnappt es euch!"

 

 

 

Die Hamster sahen ihn fragend an. War das die versprochene Party? Gestank und Rauch mochten sie nun wirklich nicht. Widerstrebend folgten sie dem voran eilenden Butler und das war auch gut so. Als nämlich McClown fast die Stelle erreicht hatte, geschah das, was bei Geysiren eben hin und wieder passiert: Sie brechen aus. Genau das geschah in diesem Moment. Eine 15 Meter hohe Fontäne heißen Wassers schoss in die Luft und ergoss sich über McClown. Schreiend flüchtete er und rief den Hamstern zu: "Schnell, meine Tapferen, er hat eueren Anführer angegriffen!"

 

Die Hamster begriffen gar nichts mehr.

 

"Er ist geflüchtet, er ist in die Erde getaucht!", stöhnte McClown und setzte sich auf den Boden. Mit einem gellenden Schrei sprang er wieder hoch, denn die Erde war kochend heiß. Schnell lief er zu der Stelle, an der die Hamster stehen geblieben waren und ließ sich dort nieder. Lange grübelte er vor sich hin, dann hellte sich seine Miene auf. Er ergriff einen Hamster - es war Purzel - der direkt vor ihm stand.

 

"Es ist doch ganz klar, mein kleiner Freund! Wir können ihm nicht durch den heißen Erdboden folgen, und ein Schiff haben wir nicht. Wir werden ihm also durch die Luft folgen! Es steht fest, dass er einen unterirdischen Weg nach Schottland sucht. Weißt du, mein tapferer kleiner Freund, wie wir das machen werden?"

 

Purzel fühlte sich überhaupt nicht wohl in seinem Fell. Er glotzte den durchgeknallten Butler an und schimpfte: "Toidi!"

 

"Mein Held", rief McClown und drückte Purzel fest an sich.

 

"Eflih! Eflih!", schrie der arme Hamster in seiner Verzweiflung.

 

"Richtig", jauchzte McClown, "es flieht vor uns. Das Monster flieht vor uns, aber wir werden es einholen. Kommt mit, ich habe einen Plan."

 

 

 


Isländischer Hamster

Nachdem er das gesagt hatte, stand er auf und ging in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Hamster folgten ihm verwundert. Eine Stunde später waren sie wieder in dem kleinen Dorf angekommen. Nach kurzem Suchen entdeckte der Butler eine Segelmacherei. Er trat die Tür ein, ging hinein und kam mit einer großen Plane und einer Menge Tauwerk zurück.

 

Er gab den völlig verdutzten Hamstern ein Zeichen, dass sie ihm folgen sollten und lief in die Richtung der Geysire zurück.

 

 

 

An dem Geschäft des Korbmachers blieb er stehen, warf Plane und Taue auf den Boden und trat auch diese Tür ein. Mit einem riesigen Korb kam er wieder aus dem Geschäft, warf Plane und Taue hinein und rannte weiter zur den Geysiren.

 

 

 

Die Hamster mit ihren kurzen Beinchen waren zwar völlig erschöpft vom Laufen, aber so etwas Aufregendes hatten sie noch nie erlebt. Tapfer liefen sie hinterher, bis sie wieder bei den heißen Dämpfen der Geysire ankamen. McClown musste sich beeilen, denn aus der Richtung des Dorfes waren wütende Rufe zu hören. Schnell nahm er ein paar lange Taue und knotete jeweils das eine Ende der Taue an der Plane und das andere am Korb fest. Als er damit fertig war, legte er die Plane über die heißen Dämpfe der Quelle und rief: "Schnell meine mutigen Kämpfer, steigt ein, wir folgen dem Monster!"

 

Die Hamster waren sofort der Meinung, dass die Party endlich losging und hüpften freudig in den riesigen Korb. Ihre Enttäuschung, dass sie dort nichts zu Fressen vorfanden, war groß. Wütend beschimpften sie McClown, doch als die heiße Luft die Plane aufblähte, verstummten sie. Die Plane wurde immer mehr mit heißer Luft aufgepumpt, bis sie aussah wie ein riesiger Ballon. Inzwischen hatten sich die wütenden Dorfbewohner bis auf wenige Meter genähert, als der Korb sich in die Höhe erhob. Aufgeregte Schreie waren jetzt zu hören: "Halt, mein Segelzeug... mein Korb... stehen bleiben, du Dieb!“

 

"Papa, das ist der Mann, der unsere Vorräte gestohlen hat!", rief ein kleines Mädchen.

 

Der Butler beugte sich über den Korbrand und rief der aufgebrachten Menge zu: "Seid nicht traurig, es dient einem guten Zweck. Es ist alles die Schuld dieses Clan-McShredder-Monsters, hört ihr? Schuld ist nur das Clan-McShredder-Monster!"

 

Dann legte er sich erschöpft auf den Boden zu den Hamstern. Es dauerte nicht lange und alle waren erschöpft eingeschlafen, während sie vom Ballon hoch durch die Lüfte getragen wurden.